Glücks(g)riff 2
von Matthias Böhm
Glücks-, Ein-, Durch-, Hand-, und Fehlgriffe der heimischen und internationalen Musikszene, oder:
Die (oft schon recht verzweifelte) Suche nach dem goldenen Riff.
Oh du vielgerühmtes Österreich, wie stolz bist du auf deine Neutralität, brüstest dich mit dem Motto „klein aber fein“, würdest dich manchmal am liebsten in einen Kokon einschließen, damit nur ja keine schlechten Einflüsse von draußen eindringen. So eigensinnig unser Land manchmal erscheinen mag, Eigenständigkeit ist eigentlich nicht unbedingt unser Ding. Gerade was die Musikszene betrifft zeichnet sich eigentlich ein erbärmliches Bild, da gibt es eine Menge Staaten die kleiner sind und sich einen besseren musik-kulturellen Ruf verschaffen konnten (man denke an Island oder Schweden). Nicht selten beschleicht mich das Gefühl, dass hier gar niemand daran interessiert ist Neues, Eigenständiges, Vielfältiges zu erschaffen. Genügt es nicht mit dem zu arbeiten, was da ist? Mozart, Falco, das ist doch schon was. Gerade Aktionen wie verzweifelte Suche nach den „neuen Österreichern“ zeigen, dass es hier schon seit längerem ein popkulturelles Identitätsproblem gibt. Die Entscheidung jetzt wieder Deutsch zu singen hat vielleicht auch den Vorteil, dass wir unsere Musik eben auf diese Weise ohne viel Aufwand abgrenzen können und uns den internationalen Vergleich sparen (dem all diese süßen Tralala-Popkapellen sowieso nicht standhalten würden). Die österreichische Pop- und Rock- Musikszene, was ist das eigentlich? Da gibt’s ein paar recht erfolgreiche Austropoper, an denen aber der Zahn der zeit nagt und die sich auch Grund von sprachlichen Barrieren recht schlecht exportieren lassen. Dann gurken ein halbes Dutzend, von Majorlabels auf Teufel-Komm-Raus (und er kommt raus!), über die Deutsche Welle gepushte Bands, zwischen Ö3 Beachparty und Ö3 Schiparty hin und her, und das war’s dann auch schon. (Gecastete Stars wie Christina Stürmer, deren Erfolg quasi im Vorhein feinsäuberlich gescriptet und kalkuliert wird, klammere ich hier mal bewusst aus.)
Ein paar wenige Indie-Bands haben den Sprung nach Deutschland geschafft und ansonsten gilt: Rette sich wer kann. Entweder schnell raus aus dem Land und in Großbritannien oder Amerika unterkommen oder auf immer und ewig im Proberaum versumpfen und irgendwie mit der Ignoranz und Verweigerung unserer Medien fertigwerden, die sich strikt weigern etwas zu spielen dass ihnen nicht von Plattenfirmen, Busenfreunden oder Verwandten empfohlen worden ist. Wer in Österreich keine Freunde oder Verwandte in den Medien hat, kann sich seine Pläne, wie man so schön sagt, einpanieren. Denn: Qualität ist hier KEIN Kriterium! Gleichheit, Anspruchslosigkeit, Verdaulichkeit und Einfachheit schon eher. Diese Einstellung schließt kulturelle Vielfalt von Grund auf aus. Wer sich ein wenig als Veranstalter, Booker und Bandbetreuer in der Szene versucht, der weiß was die schönen Worte bezüglich Förderung lokaler/junger Acts eigentlich sind: Heiße Luft! Was Bands in erster Linie brauchen ist Publicity. Wie soll man aber bekannt werden, wenn man, um der Öffentlichkeit auftreten zu dürfen, erst bekannt sein muss? Von nichts bekommt bekanntlich nichts, irgendwo muss man anfangen.
Diese kleine Kolumne hat es sich zur Aufgabe gemacht verborgene Schätze der österreichischen Musikszene auszugraben. Bekanntheit und Qualität stehen entgegen der öffentlichen Meinung nicht zwingend in Zusammenhang, sprich: Was bekannt ist muss nicht gut sein und was unbekannt ist muss nicht schlecht sein. Warum dürfen sich Bands nach dem dritten Album noch als „Newcomer“ beschimpfen lassen? Nur weil die Radiosender erst nach zehn Jahren erkannt haben, dass hier gute Arbeit geleistet wird? Weil die Band ihrer Zeit zehn Jahre voraus war?
Schon beim ersten „Glücksgriff“ (Wer kann sich erinnern? Ja, ist schon länger her, ich werde mich aber bemühen die Intervalle von nun an kürzer zu halten) habe ich einen einheimischen Act von erstaunlichem Niveau vorgestellt, die ausgefuchsten Across the Delta. Diesmal wenden wir uns (endlich, nach einer furchtbar langen Einleitung) ruhigeren Gangarten zu. Der St.Pöltener Martin Rotheneder beeindruckt seit vier Jahren unter seinem Pseudonym Ben Martin mit seiner konsequenten Arbeitsmoral und künstlerischer Beharrlichkeit. Vier Alben (drei auf CD und eines als MP3 Download) hat er in dieser kurzen Zeit erschaffen, wer den reifen Songwriter kennt, ist von seiner Entschlossenheit und seinem aufopfernden Einsatz beeindruckt. Großer Ruhm und weitreichende Bekanntheit ist ihm trotz beständiger Präsenz auf FM4 und GoTV bisher nicht zu Teil geworden, wohl aber die Anerkennung jener, die seine niveauvolle Arbeit zu schätzen wissen. Nun passiert das, was unweigerlich passieren muss: Wenn man vom eigenen Land verweigert wird (und nicht wie Thomas Bernhard in geisteszernichtendem Frust enden will), dann muss man hier raus. Wie man der Website des Songwriters entnehmen kann, spielen ihn mittlerweile erste Radiostationen in den USA. Gut so, vielleicht muss die gute Nachricht, wie so oft, von außen kommen, damit man auch der Heimat die Schuppen von den Ohren fallen.
Ben Martins aktuelles Album Worn Legs ist bereits im Herbst 2007 erschienen und bietet die gut gepflegte Fortführung seiner bisherigen Arbeit, eben entspannten, emotionalen, feinsäuberlich arrangierten Indie-Pop. Auf seiner Website gibt es ausführliches Ton- und Videomaterial um sich ein Bild zu machen. Für alle die es gern ein wenig ruhiger haben und überlegtes Songwriting schätzen: Hier spielt die Musik!