Glücks(g)riff

von Matthias Böhm

Glücks-, Ein-, Durch-, Hand-, und Fehlgriffe der heimischen und internationalen Musikszene, oder: Die (oft schon recht verzweifelte) Suche nach dem goldenen Riff.

Time won’t change a thing steht, gut versteckt, im Booklet von „Frames“, dem neuen Oceansize Album. Na da darf man sich in diesem Fall auch freuen, denn wären die Herren dem Vorbild mancher anderer bemerkenswerter UK-Bands, wie Aerogramme oder Biffy Clyro gefolgt, dann würde es die Platte entweder gar nicht geben (denn die Erstgenannten haben aus andauernder Verzweiflung, ob ihrer prekären Lebenssituation als Musiker, das Handtuch geworfen) oder es wäre von den Ratschlägen eines Major-Produzenten plattgewalzt und zermischt worden. (So wie offensichtlich auf Biffy Clyros neuem Album passiert. Wo ist der Biss? Wo das unverschämte Spiel von laut und leise, von schön und hässlich? Vermutlich Opfer der Entscheidung für einen saftigen Vorschuss des Labels und gegen die Resignation, nach jahrelangem Kämpfen um das tägliche Brot)
Oceansize bleiben Oceansize, das haben sie am 27.Oktober im Wiener Flex eindrucksvoll bewiesen. Zwei Jahre nach ihrem letzten Gig im Lande, präsentieren sie eine grandiose Setlist mit der perfekten Mischung aus neuem Material und den alten Glanzstücken wie etwa dem unumgänglichen „Catalyst“, bei dessen ersten Tönen so mancher Konzertbesucher dankend die Hände zusammengeschlagen hat, dieses Monster von einem Song, das stellvertretend für das Gesamtwerk der Band beweist, dass vertrackte, ungerade Grooves in liebevollem Arrangement kein Tanz-Killer sind, ganz im Gegenteil, noch selten habe ich so intensiv getanzt, wie zu Oceansize (soweit eben mit einem Bierbecher in der Hand möglich, den Fehler mache ich jedes Mal. Da müsste dann schon die Band selbst handeln, um dem Publikum beim Denken und Tanzen zu helfen, wie zuletzt bei Zita Swoon in der Arena der Fall, die haben das Ausschenken von Alkohol während des Konzerts generell verboten. Der Vorteil: Man hat die Arme frei und das Publikum hat die Chance einmal echten Enthusiasmus an den Tag zu legen). Fast dankbar bin ich für diese gnadenlose Kampfansage gegen den 4/4tel-Takt. Der ist irgendwie das große Problem der europäischen, bzw. westlichen Musikkultur. Wie soll sich da noch was Neues entwickeln? Wobei, in Anbetracht der aktuellen Retro-Wellen ist das offenbar sowieso nicht erwünscht. So verwundert es auch nicht, dass so mancher beim Namen Oceansize panisch zurückschreckt: „Oh Gott, das ist ja so ein progressive Zeugs!“ Die Angst vor dem Wort „progressive“ ist unter Musikern und Musikhörern weit verbreitet, klingt vermutlich ein wenig nach Arbeit. Schlussendlich heißt es aber wohl nicht mehr, als dass man hier an einer Entwicklung interessiert ist. Überfordert haben die fünf Herren im Flex auf jeden Fall kaum jemanden (bis auf die beiden Typen in weißen Lackschuhen, die sich eine Stunde lang mit dem Rücken zur Bühne auf ihren Handys gespielt haben. Weiß der Teufel, wer die armen Kerle auf dieses Konzert geschleppt hat, vielleicht ihre übermotivierten Freundinnen...). Und auch die Angst vor gnadenlosem Gitarrengefrickel und –gewichse ist unbegründet, nur weil ein Song mal 8 Minuten dauert, heißt das nicht, dass daran auch nur eine unnötige Sekunde hängt. Welcher Narr hat den behauptet, dass in 3 Minuten alles gesagt sein muss? Oder hat das mit der Aufmerksamkeitsspanne des postmodernen Menschen zu tun? Also ein bisschen Zeit müsste man schon haben, sprich fast 78 Minuten im Fall von „Frames“.
Besonders erfreulich war für mich in diesem Sommer die Entdeckung, dass es da, abgesehen von den, Langeweile und Einfallslosigkeit verströmenden, „Neuen Österreichern“, die uns die Medien und Plattenfirmen verzweifelt verkaufen wollen, eine heimischen Band gibt, die 2006 ein Album abgeliefert haben, dass mich ob seiner Eigenständigkeit in der hiesigen Musiklandschaft, schwer beeindruckt hat. Sie schmücken sich mit dem wunderschönen Namen Across the Delta und liefern uns mit „Dancing to Architecture“ eines der einnehmendsten Stücke Gitarrenmusik, seit dem Verschwinden von Sans Secure. Auch hier wird die 3-Minuten-Grenze schamlos überschritten, denn diese Ideen brauchen Platz und lassen sich nicht in das bornierte Korsett des aktuellen Pop/Rock-Songwritings pressen. Es überrascht dann auch weniger, dass man die Herren von Across the Delta im Oceansize Publikum wieder findet. Während aber bei den Briten die textliche Ebene oft ein wenig hinter den gewaltigen Gitarrenarrangements verschwindet, haben die Lyrics die Across the Delta viel Platz und verdienen ihn auch. Allein Titel wie The Intensive Alibi oder Temporary Overdose zeugen von einem liebevollen und überlegten Umgang mit der Sprache. Die Auseinandersetzung damit zahlt sich aus und ist beim Zuhören eigentlich unumgänglich, Johannes Reisingers Stimme ist hoch-charismatisch und kennt keine Gnade (selbiges gilt übrigens auch für Mike Vennart von Oceansize, als Einstiegstrack zu diesem Thema sei der Song „Trail of Fire“ empfohlen). Der ganze Spaß funktioniert übrigens auch bei Across the Delta hervorragend, wie unlängst im Chelsea vor vollem Haus bewiesen (wenngleich die Band selbst angeblich nicht so zufrieden mit der Performance war, aber keine Sorge, im Publikum war davon wenig zu merken)

Was also nun vonwegen Time won’t change a thing? Nur Mut: “paint it black or white, make use of colors if you like!” (ATD)

Nützliche Links:
www.oceansizeuk.com
www.acrossthedelta.com